Horror …
… so viel mehr als allein Blut und Gewalt
Hallo, ich wünsche Ihnen einen phantastischen Tag.
Diesmal geht es um den Horror – was das Genre ausmacht, seine Definition und wenigstens ein paar Bemerkungen über seine Bedeutung und Wirkung. Horror ist ein Genre, hinter dem so viel mehr zu finden ist als bloß Schrecken und Gewalt. Dem werde ich mich in einem Extrabeitrag noch einmal näher widmen, aber erst einmal geht es um die Grundlagen. Dieser Substack heute entspricht in weiten Teilen einer Zusammenfassung des Aufsatzes “Die Offenbarung des Grauens”, mit dem ich 2023 den dritten Band von Michael Kleus großartiger Trilogie der Antikenrezeption in der Phantastik eröffnet habe.
Versuche über die Brüchigkeit des Daseins
Hans Baumann, der mit dem Buch “Horror. Die Lust am Grauen” schon 1989 die in deutscher Sprache immer noch einflussreichste Publikation über das Genre veröffentlicht hat, schreibt über Horrorgeschichten, sie seien „Fiktionen (innerhalb derer) das Unmögliche in einer Welt möglich und real wird, die der unseren weitgehend gleicht, und wo Menschen, die uns ebenfalls gleichen, auf diese Anzeichen der Brüchigkeit ihrer Welt mit Grauen reagieren“ (Baumann 1989, 109). Der spezifische Schrecken im Horror – da sind sich die wichtigsten Definitionen von Roger Caillois, Louis Vax und Hans Baumann einig (Caillois 1974, 46; Vax 1974, 17; Baumann 1989, 109) – besteht darin, dass Genrewerke zum Inhalt haben, dass ein übernatürliches Ereignis in eine realistisch inszenierte Welt einbricht (vgl. Weinreich 2008); Stephen King nennt es „eine kalte Berührung inmitten des Vertrauten“ (King 2004, 428), die sich um „Auflösung und Auslöschung“ dreht (37).
Dem möchte ich nur hinzufügen, dass Horror sich nicht nur aus übernatürlichen Ereignissen speist. Nicht immer sind es Untote, Wiedergänger, Dämonen und Monster aus anderen Welten oder Dimensionen, die das Grauen auslösen. Neben dem übernatürlichen Horror gibt es Einbrüche gänzlich weltlicher und natürlicher Art, die für das Grauen der Protagonistinnen und Protagonisten wie auch des Publikums sorgen. Deshalb darf der Einbruch des Grauenhaften nicht auf Unmögliches – also Übernatürliches – beschränkt werden, sondern muss um das Unvorhersehbare erweitert werden. Horror ist nämlich ein Genre, das überlappend quer zu allen anderen literarischen Genres liegt. Ob Thriller, Science Fiction, Fantasy oder auch Märchen – sie alle können das Horror-Charakteristikum der “kalten Berührung inmitten des Vertrauten” beinhalten und damit, solange dies ein zentraler Bestandteil der Story ist, zum Genre gezählt werden. Das gilt sogar für romantische Liebesgeschichten.
Im Horror findet ein Angriff auf die Lebenswelt der Protagonistinnen und Protagonisten statt – und damit in gewisser Weise auch auf die des Publikums. Denn die Autorinnen und Autoren des Horrors versuchen vielleicht mehr als in allen anderen Genres ihr Publikum in das erzählte Geschehen hineinzuziehen. Die Bedrohung geht von einer meist nicht näher bestimmbaren Jenseitigkeit (metaphysisch wie figurativ) aus – und es braucht nicht einmal erklärt zu werden, wie die Gefahr die Grenze überwindet. Dieser Übergriff wird wie ein „Einbruch“ in unsere Welt erfahren (vgl. Vax 1974, 17; Baumann 1989, 20 u. ö.). Seit Roger Caillois´ Genre-Definition spricht man dabei meistens von einem „Riss“, der sich im Gefüge der Realität auftut. Das Gefühl, das dabei auf Seiten der Protagonistinnen und Protagonisten entsteht, beschreibt Louis Vax folgendermaßen: „Das Ungeheuer durchschreitet die Mauern und erreicht uns, wo immer wir sind“ (Vax 1974, 18). Und das ist, was die spezifische Angst auslöst: vollkommene Unsicherheit aufgrund des Risses in der Realität. Dieses Gefühl, das in Film oder Geschichte dargestellt wird, soll sich auf das Publikum übertragen und möglichst authentisch mit-erlebt werden.
Definition
Grauen auszulösen ist damit ein unabdingbares Element der Definition von Horror. Wobei das Kriterium, Grauen auf Seiten der Figuren in einer Geschichte auszulösen, dadurch erreicht wird, indem die Autorinnen und Autoren darstellen, dass und warum ihre Figuren Grauen empfinden müssen. Allerdings wird das nur wirken, wenn die Terror und Furcht auslösenden Geschehnisse als solche überzeugen, weshalb die Darstellung handlungsimmanenten Horrors nicht trivial ist; echte Künstlerinnen und Meister des Grauens gibt es eben nicht allzu viele. Üblicherweise sind dies auch in handwerklich-schriftstellerischer Hinsicht überdurchschnittlich gute Erzählerinnen und Erzähler wie Stephen und Owen King, Stephen Graham Jones, Catriona Ward oder Richard Chizmar.
„A Horror Story makes its readers feel horror“, sagt die Encyclopedia of Fantasy (Clute/Grant 1997, 478), und schon Genre-Altmeister H. P. Lovecraft strebte Anfang des 20. Jahrhunderts an, „wahrhaftes“ Grauen hervorzurufen: „Der einzige Prüfstein für das wahrhaft Unheimlich-Übernatürliche ist ganz einfach die Frage, ob im Leser ein tiefes Gefühl der Furcht hervorgerufen wird“ (Lovecraft 1995, 13). Allerdings würde diese Absichtserklärung zu einem Problem führen, wenn man sie in eine Definition des Genres aufnimmt. Eine von der Annahme einer bestimmten Wirkungsweise abhängige Definition ist schwach, denn es ist völlig vom Publikum abhängig, ob es Grauen empfindet oder nicht.
Ob es den entsprechenden Büchern, Filmen, Spielen gelingt, Grauen zu erzeugen, ist von den unvorhersehbaren Reaktionen des Publikums abhängig. Alter, Biographie und Vorlieben werden dafür sorgen, dass ein und dasselbe Genreerzeugnis verschiedene Wirkungen erzielt. Selbst richtig gutgemachte Horrorfilme wie “Rosemary’s Baby” (USA 1968) werden immer wieder auf Rezipientinnen und Rezipienten treffen, bei denen sich das intendierte Unwohlsein und die Angst nicht einstellen. Allein das, was Medien ihren Publika über die Jahrzehnte hinweg glaubten zumuten zu können, hat sich so stark gewandelt, dass subtilerer Horror heute vielfach eine geringere Wirkung erzielen wird als vor sechzig Jahren. Ich schlage deshalb eine Definition von Horror vor, die die Publikumsreaktion als intendiert, aber nicht sicher aufnimmt:
Horrorgeschichten sind Fiktionen, in denen das Unmögliche oder Unvorhersehbare auf eine Art und Weise in einer Realität, die der unseren grundsätzlich gleicht, möglich und real wird, dass die ihm ausgesetzten Charaktere mit Grauen auf die Brüchigkeit ihrer Welt reagieren. Das Auftreten dieses Einbruchs in die Lebenswelten ist dabei bewusst dahingehend angelegt, das Gefühl des Grauens auch auf Seiten des Publikums dieser Fiktionen hervorzurufen.
Literature of arrest
James Gunn nannte die Science Fiction einmal „literature of change“, Literatur des Wandels (Gunn 2005, 10). Vergleicht man das mit dem Horrorgenre, so könnte man es als literature of arrest bezeichnen, als Literatur des Stillstands. Science Fiction und Fantasy fragen stets spekulativ: Was wäre, wenn? Der Horror hingegen muss nicht spekulieren, denn er kennt die Ängste seines Publikums. Horror weiß, wie die Menschen reagieren werden, die er in sein Geschehen wirft, weil es ihm darum geht, diese Reaktion bei seinen Leserinnen und Zuschauern hervorzurufen. In seinem Wirkungskern stellt Horror arrested development, eine nicht stattfindende Entwicklung, dar, denn wir überwinden das Grauen nicht. Nur die Umstände und Rezeptionsweisen haben sich weiterentwickelt. Aber Horror weist immer noch auf die Brüchigkeit der Welt hin und zeigt, dass das Jenseitige jederzeit in das Diesseitige eindringen kann und alle Gewissheiten zu zerstören vermag, bis nicht mehr als kosmisches Grauen übrig bleibt.
Das ist - wie alle Phantastik - natürlich nicht wahr. Doch manchmal, wenn es dunkel ist und das Garn der Geschichte richtig gut gesponnen wurde, dann zweifelt man, ob es nicht vielleicht doch …
… doch Grauen ist gar nicht das Wichtigste
Denn Grauen und Angst auszulösen sind kein Selbstzweck … oder sollte es zumindest nicht sein. Die Brüchigkeit der Existenz auf übertriebene Weise darzustellen, hilft wie jeder Perspektivenwechsel der Phantastik, Ist-Zustände und die Realität mit einem grellen Scheinwerfer auszuleuchten. Der Horror beleuchtet dabei besonders die Missstände und die Mängelnatur des Menschen in Form seiner Rücksichtslosigkeit, seines Machthungers, sexueller Ausbeutung und Gewalttätigkeit; auch wenn dies oft stellvertretend von irgendwelchen Monstern übernommen wird. Es geht aber eigentlich immer darum, zu zeigen, was wir einander antun. Der Psychologe und Horrorautor Tom C. Winter nennt als eine der Aufgaben phantastischer Literatur die “werteorientierte Reflektion der aktuellen Weltlage” (Winter 2025). Genau darum geht es in den Momenten, wo das Genre sich zur Höchstform aufschwingt. Wenn Stephen King in “The Stand” metaphorisch zeigt, dass der Mensch Engel und Teufel zugleich sein kann, wir beim Lesen aber merken, dass die Seite des Teufels unserem Wesen emotional und intellektuell zutiefst zuwider ist, so ist das zuallererst ein Plädoyer für den Humanismus. Wenn Stephen Graham Jones in “The Only Good Indians” schonungslos und unsentimental das heutige Leben der Native Americans in den USA metaphysisch paraphrasiert darstellt, so gibt das eine Ahnung davon, was Ungleichheit ins Extrem getrieben bedeuten kann. Und wenn Jones in “I Was a Teenage Slasher” den Slasher als Ich-Erzähler zu Wort kommen lässt, so tut er das in einer Weise, die den moralischen Kern von Dostojewskis “Schuld und Sühne” in die heutige Zeit und Sprache übersetzt. Horror ist nicht zuletzt – nein, ganz bestimmt nicht zuletzt! – Skalpell und Röntgengerät zugleich, das gesellschaftliche Verwerfungen sichtbar macht und Moralität wie Amoralität seziert.
Der Buchheim-Verlag publiziert in seiner Reihe Cemetery Dance Germany anspruchsvolle Horrorliteratur. Jedes einzelne Werk – meist Übersetzungen englischsprachiger Horrormeilensteine; unter anderem die genannten Bücher von Jones – wird von Olaf Buchheim sorgfältig ausgesucht. Buchheim kuratiert dabei nach der Prämisse “Menschlichkeit und Gleichberechtigung sind nicht verhandelbar.” Ich lektoriere seit einigen Jahren die Übersetzungen des Verlags und stelle immer wieder erfreut fest, mit welch sicherer Hand Buchheim Bücher aufnimmt, die in psychologischer oder politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht fundierte kritische Beobachtungen anstellen und pointiert mit den Mitteln des Genres (Riss und Einbruch!) ausleuchten. Das ist alles so viel mehr als einfach nur thrill & gore! Das ist Stoff für nachhaltige Überlegungen, und wenn – so in den Worten Buchheims – “daraus gesellschaftspolitische Relevanz entsteht: umso besser” (Buchheim 2025).
Dem Thema gesellschaftliche Relevanz und Politik wird bald ein eigener Substack folgen, der sich eingehender damit beschäftigt. Doch zunächst schreibe ich einen Artikel, der sich – wie schon der über Le Guin in der SF oder Tolkien in der Fantasy – mit einem der wichtigsten Genreautoren beschäftigen wird, der zugleich wie die beiden Genannten der vielleicht herausragendste Theoretiker seines Genres ist. Ich rede natürlich von Stephen King.
Bis dahin: Alles Gute, und bleiben Sie mir treu.
Literatur:
Baumann, Hans D.: Horror. Die Lust am Grauen, Weinheim, Basel: Beltz 1989.
Buchheim, Olaf: “Horror mit Haltung, auch ohne Megafon. Die stille Macht der Literaturauswahl”. In: M. Leichter et al. Über den Einfluss der Fantastik auf Politik und Gesellschaft – Chancen, Risiken, Desiderata. Zeitschrift für Fantastikforschung 13.1 (2025): 1–51. DOI: https://doi.org/10.16995/zff.26819.
Caillois, Roger: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction, in: R. A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 1, 1974 44-83. (urspr. ersch. Paris 1966)
Clute, John/Grant, John: The Encyclopedia of Fantasy, New York: St. Martin’s Press 1997.
Gunn, James: “Toward a Definition of Science Fiction”. In: J. Gunn, M. Candelaria (Hrsg.): Speculations on Speculation. Theories of Science Fiction. Lanham u.a.: Scarecrow Press.
King, Stephen: Danse Macabre. Die Welt des Horrors, Berlin: Ullstein 2003.
Lovecraft Howard Phillips: Die Literatur der Angst. Zur Geschichte der Phantastik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995.
Vax, Louis: Die Phantastik, in: R. A. Zondergeld (Hrsg.): Phaicon 1 1974. 11–43. (urspr. ersch. Paris 1963)
Weinreich, Frank: Das furchtbare Unbekannte. Bochum 2008. https://polyoinos.de/das-furchtbare-unbekannte
ders.: Die Offenbarung des Grauens – zur Antikenrezeption im Horrorgenre. In: Kleu, M. (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen: Oldib. 2023. 27-44.
Winter, Tom C.: “Probehandeln in der Fantasy: Final Girl Europa”. In: M. Leichter et al. Über den Einfluss der Fantastik auf Politik und Gesellschaft – Chancen, Risiken, Desiderata. Zeitschrift für Fantastikforschung 13.1 (2025): 1–51. DOI: https://doi.org/10.16995/zff.26819.



