Warum Phantastik?
Was will sie und was kann sie?
Hallo, ich wünsche Ihnen einen phantastischen Tag.
Warum Phantastik?
Anlässlich der Verleihung des National Book Award 1973 für “The Farthest Shore”, Band 3 des Erdsee-Zyklus, hat die großartige Schriftstellerin Ursula K. Le Guin Wesen und Rolle der Phantastik auf eine Weise charakterisiert, die alles zusammenfasst, was das Genre ausmacht, und zudem auf den Punkt bringt, worüber ich weit mehr als einhundert Bücher und Artikel geschrieben habe. Wer einmal einen Vortrag von mir gehört hat, wird wahrscheinlich auch dieses Zitat kennen, dass ich unzählige Male gebracht habe:
„Realismus ist vielleicht die am wenigsten angemessene Form, um die unglaublichen Umstände unserer realen Existenz zu porträtieren. Ein Wissenschaftler, der in seinem Labor ein Monster erschafft, ein Bibliothekar in der Bibliothek von Babel, ein Zauberer, der beim Sprechen eines Zauberspruchs versagt, ein Raumschiff, das auf seinem Weg nach Alpha Centauri verschollen geht – all diese Dinge sind präzise und fundamentale Metaphern für die menschliche Existenzweise. Der phantastische Erzähler, ob er nun Archetypen aus den Mythen oder die jüngeren Archetypen aus Wissenschaft und Technik zitiert, spricht nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe – und manchmal sehr viel deutlicher. Phantastische Literatur dreht sich um das menschliche Leben; darum wie es gelebt wird, wie es gelebt werden könnte, wie es gelebt werden sollte.“ (National Book Awards Acceptance Speech; Le Guin 58)
Und zu einer anderen Gelegenheit sagte sie mit Blick auf noch das jüngste Publikum von Literatur und Kunst:
“(Selbst) Kinder wissen ganz genau, dass Bücher über Einhörner nicht die Realität beschreiben. Aber sie wissen ebenso genau, dass Bücher über Einhörner – solange es gute Bücher sind – wahre Bücher sind.” (Le Guin 135)
Dies ist meine Übersetzung zweier Zitate aus der Aufsatzsammlung “The Language of the Night” (Seiten 58 und 135) einem für jede Forscherin, jeden an der Phantastik interessierten Kreativen und alle, die verstehen wollen, was dies Genre tun kann, unverzichtbaren Buch.
Was Ursula Le Guin hier sagt, bedarf eigentlich keiner Erklärung. Aber meine Faszination mit beiden Aussagen – besonders den Metaphern über Zauberer und Raumschiffe und schwer verständliche Soziologen – bedarf möglicherweise der Erläuterung.
Ein Blick auf einige wenige Werke der Phantastik zeigt, dass das Genre wieder und wieder die Realität diskutiert, auch wenn sie dabei von unmöglichen Dingen erzählt. Der Einfluss allein von George Orwells “1984” genügt, um zu zeigen, dass ein phantastisches Werk politisch sein kann. Und von Orwell ist der Schritt zu anderer berühmter Science Fiction geradezu zwingend. Dass auch H. G. Wells’ “Time Machine” mit der Darstellung einer gesellschaftlich gespaltenen Zukunft politisch gemeint war, ist nicht zu bezweifeln. Aldous Huxleys “Brave New World” wirft medizinethische Fragen auf, die achtzig Jahre später nichts an Brisanz verloren haben. Rainer Werner Fassbinders “Welt am Draht” spielt mit der Realität auf eine Weise, die den Zuschauer zwingt, die eigene Wirklichkeit infrage zu stellen. Dass die Wachowski-Geschwister dasselbe Thema arg beschleunigen und damit auch verflachen, ändert nichts daran, dass “The Matrix” ungeachtet des Lärms ungezählter Schüsse auch das kritische Hinterfragen von Gewissheiten provoziert. Und aktuelle SF-Romane oder -Filme sind nicht weniger politisch intendiert als die genannten Klassiker.
Aber das ist alles Science Fiction, und die SF spekuliert auf Basis harter Realitäten; vielleicht ist sie als Genre also akzeptabler als die übernatürliche Phantastik, die in Teilen des Horrors oder in der Fantasy ihren Ausdruck findet? Ich denke nicht, und zwar liegt das daran, dass der Fantasy wie dem Horror die gleiche Relevanz zukommen wie der SF. Le Guin hat das am Beispiel des Monsters und dem des Zauberers ja schon deutlich gemacht. Und was den Einfluss angeht, so kann der ganz ähnlich werden. Tolkiens “Herr der Ringe” ist plot-technisch vor allem eine Parabel auf die Gefahr absoluter Macht. Und wenn man heute auf diese Gefahr hinweisen will, so photoshopt man machtversessenen Politkern eben den _Einen Ring_ an die Hand. Auch philosophische Tiefe wird in der Fantasy erreicht, etwa in Le Guins “Erdsee”-Zyklus, dessen drei erste Bücher die conditio humana hinsichtlich der Aspekte Entwicklung, Liebe und Tod in je einem Band genauestens ausleuchten. Der vielfach unterschätzte Dennis McKiernan stellt in jedem seiner actionreichen Bücher der “Midgard”-Saga en passant ein philosophisches Problem in den Mittelpunkt der Story und seine “Caverns of Socrates” gehen dem Realitätsproblem aus “The Matrix” noch viel eingehender nach.
Dass auch der Horror diese anderen Blickwinkel auf die Realität liefert, zeigt sehr schön beispielsweise der Topos des Vampirs . Das Aussaugen des Menschen zu thematisieren, sei es in gesundheitlicher, emotionaler, sexueller, wirtschaftlicher oder spiritueller Hinsicht, greift einen allgemeinmenschlichen Aspekt auf, den in der Realität niemand nicht versteht. Was man auch daran sieht, dass es nicht eine Kultur auf der Erde gibt, die den Vampirmythos nicht kennt. Der Horror konfrontiert uns auch nicht nur mit unseren Ängsten und persönlichen sowie psychologischen Sorgen und Schwächen, sondern auch mit gesellschaftspolitischen Fragen, die nicht weniger deutlich thematisiert werden als in der Science Fiction, nur oft sehr viel drastischer und eindringlicher. Nehmen Sie nur Stephen Kings “The Stand”, ein Werk, das mehr als vierzig Jahre vor Corona eine Epidemie und deren Folgen für das irrationale menschliche Verhalten thematisierte. Das Buch wurde in diesem Jahr (2025) übrigens durch großartige Nacherzählungen der Folgen von “The Stand” in Form von sechsunddreißig Kurzgeschichten kongenial ergänzt und modernisiert, verfasst von den derzeit wichtigsten Autorinnen und Autoren des Horrorgenres und herausgegeben von Christopher Golden und Brian Keene: “The End of the Word as we Know It” – jetzt auch beim Buchheim-Verlag in deutscher Übersetzung erhältlich.
Phantastik – das ist nichts weniger als das Philosophieren über die Bedingungen des menschlichen Lebens in tatsächlich allen möglichen Facetten, aus allen irgend möglichen Blickwinkeln, denn den Ausdrucksmöglichkeiten des Großgenres sind keinerlei Grenzen gesetzt. In Fantasy, Horror und Science Fiction werden alle Höhen und Tiefen der Existenz ausgelotet, indem die Realität überschritten und unbeschränkte Gedankenexperimente angestellt werden. Dies aber nur, um dadurch immer und ausnahmslos auf die Realität zurückzuverweisen.
Es waren die Gedankenexperimente und Gleichnisse der antiken Philosophen wie Platon und Aristoteles – Sie alle kennen das Höhlengleichnis – und deren Rekapitulation und Erweiterung durch nachfolgende Denker wie Immanuel Kant und scharfzüngige Schriftsteller wie Jonathan Swift und Spekulanten einer besseren Zukunft wie Thomas Morus, die mich in die Philosophie ‘getrieben’ haben. Da war es nicht einmal ein Schritt aus der Philosophie in die phantastische Literatur, den ich tat als ich die akademische Welt verließ und zum Phantastikexperten und -lektor wurde. Denn ich habe die Philosophie nie verlassen, weil die Phantastik Philosophie ist.
– Sie alle kennen das Höhlengleichnis –
Warum die Phantastik Philosophie ist, erläutere ich in der nächsten Folge. Bleiben Sie mir gewogen, bis dahin alles Gute, Frank Weinreich 😀
Literatur:
Ursula K. Le Guin: The Language of the Night. New York: St. Martin’s Press 1979.




