Phantastosophie
Warum die Phantastik Philosophie ist
Hallo, ich wünsche Ihnen einen phantastischen Tag.
Warum Phantastik Philosophie ist …
… eine kühne Behauptung: Phantastik = Philosophie = Phantastosophie. Ist das nicht ein Begriff1, der allzu nah an der Phantasterei angesiedelt scheint? Und ist es nicht auch ein Widerspruch? Philosophie bedeutet bekanntlich “die Weisheit lieben” und Phantastik dreht sich um Unmögliches, wie in der ersten und der zweiten Folge dieses Substacks erläutert wurde. Das ist zwar kein direkter Widerspruch, wie er sich hinter der Gegenüberstellung von “real” und “irreal” verbirgt, aber Unmögliches und Weisheit – also Wissen! – scheinen doch irgendwie unvereinbar zu sein.
Sind sie aber nicht!
Denn die Liebe oder Freundschaft, die man der Weisheit in der Philosophie schon im Namen entgegenbringt, bezieht sich nicht allein auf Faktenwissen, sondern ebenso auf den Prozess des Wissenserwerbs und die Bedingungen, unter denen er stattfindet. Metaphern und Spekulationen sind sehr oft Teil dieses Prozesses, und Metaphern sind die Sprache der Phantastik.
Was wäre, wenn …? – lautet die Grundfrage aller Phantastik. Je nach Frage fallen die Antworten durchaus philosophisch aus. Etwa wenn Sie sich einer phantastisch überspitzten Situation ausgesetzt sehen und sich fragen müssen, was Sie nun im Angesicht der Ewigkeitsfolgen Ihrer Handlungen tun, weil in der Fantasy die Seele ein Faktum ist und dieses – das unsterbliche Element Ihrer selbst – in Gefahr ist. Oder wenn in der Science Fiction Genozide in planetarem Maßstab unausweichlich scheinen. Oder wenn im Horror die Bekämpfung des Monsters alle Mittel rechtfertigt … oder vielleicht doch nicht?
Metaphern gehören seit Anbeginn des systematischen und regelgeleiteten Denkens zum Handwerkszeug der Philosophinnen und Philosophen. Den meisten von Ihnen dürfte beispielsweise das Höhlengleichnis des Platons bekannt sein, das dieser (zusammen mit mancher anderen Metapher) zur Verdeutlichung seiner Argumentation einsetzte. Mithilfe seiner Höhle stellte er anschaulich dar, dass man sich weder seines Wissens noch der eigenen Sinne unter allen Umständen sicher sein kann. Es stellt sich die Frage: Was ist real? Und erschrocken erkennt man, dass sie gar nicht so einfach zu beantworten ist. Diese Frage stellen sowohl Horror als auch SF als auch Fantasy gerne – etwa in dem großartigen Roman “Caverns of Socrates” von Dennis L. Mckiernan, der nicht nur die Fantasy und SF in sich vereint, sondern die vielleicht berühmteste aller Metaphern gleich im Titel führt. (Das 3.83 Rating bei Goodreads aus dem Link halte ich für massiv unterbewertet.)
Philosophisches Denken – ein Prozess
Es ist denn auch so, dass es in der Philosophie nicht nur um die Darstellung von Fakten geht, sondern besonders um einen transparent unternommenen Versuch der Faktenfindung. Philosophische Fragestellungen sind ein Prozess – durch das Denken erreichbare Fakten, werden auf der Grundlage begründeter Annahmen erreicht, die in Form von Für und Wider, also dialektischen Prozessen, überhaupt erst den Weg zu intersubjektiv gültigen und meist nur vorläufig gesicherten Fakten weisen. Derartig herumprobierendes Denken ist aber nun einmal die Königsdisziplin der Phantastik und ihrer was-wäre-wenn-Überlegungen.
Die Spekulation - vom Ursprung her bedeutet “spekulieren” übrigens “Ausschau halten” – ist über gesicherte Erkenntnisse hinausgehendes Denken, das Szenarien und Möglichkeiten durchspielt. In der Phantastik sind das unbegrenzt ausbaubare Szenarien und Möglichkeiten, weil das Genre nicht an die Grenzen der physischen Realität und etabliertes Weltwissen gebunden ist. Damit kann die Phantastik alle denkbaren Pfade philosophischer Fragestellungen beschreiten. Typischerweise wird sie dabei nicht zu intersubjektiv gültigen Antworten kommen und noch seltener Fakten finden. Aber sie weist – besonders im Fall mehrerer, gerne einander widersprechender Werke – auf Lösungen hin und stellt sie zur Diskussion. Dass die Lösungen dabei aus irrealen Kontexten kommen, bedeutet nicht, dass sie nicht auf reale Umstände übertragbar wären. Und damit leistet die Phantastik einen Großteil, ja den wichtigeren Teil der Arbeit der Philosophie und wird zur Phantastosophie. Im “Handlexikon zur Wissenschaftstheorie” wird ausdrücklich gefordert, dass die Philosophinnen und Philosophen sich unter Vollzug eines transparenten Denkprozesses der “Nachahmung (dieser) Denkhaltung, (und) ihres Mutes zu neuartigen Gedanken befleißigen” (Seiffert 258). “Neuartige Gedanken!” – das Heimspiel der Phantastik!
Und in noch einem Punkt gleichen sich Philosophie und Phantastik – in ihrer Gefährlichkeit. Gefährlich zumindest für eingefahrenes Denken, althergebrachte Strukturen und damit auch für etablierte Weltanschauungen und politische Systeme. Beide kommen nämlich dank ihres probierenden Denkens stets auf neue Ideen, die in Konkurrenz zu alten Gewissheiten treten. Im fünften Band seines “Dune”-Zyklus sagt Frank Herbert: “Philosophy is always dangerous because it promotes the creation of new ideas” (475). “New Ideas” sind nun einmal auch genau das, was die Phantastik mit jedem neuen Werk, Kunstwerk, Stück hervorbringt. Kein Wunder, dass die Herrschenden oft als Erstes die Phantastinnen und Phantasten verfolgen.
In der Philosophie geht es in erster Linie darum, dass man über Gedanken und Emotionen reflektiert und die Ergebnisse dieses Denkprozesses nutzt, um das eigene Leben und das Leben anderer zu verbessern. Genau das ist auch die Absicht fantastischer Literatur und Kunst – eine Gleichung, die sich eben, wie schon gesagt, zusammenfassen lässt als Phantastik = Philosophie = Phantastosophie.
Der nächste Substack wird ein Zweiteiler, der als Einführung zu einer kleinen Sammlung von Definitionen der wichtigsten Genres der Phantastik dient und dessen erster Teil in etwa zwei Wochen erscheinen wird: “Gedanken über Genres I”.
Bis dahin: Bleiben Sie mir treu, Frank Weinreich 😀
Literatur:
Herbert, Frank: Heretics of Dune. New York: Ace. 2019.
Le Guin, Ursula K.: The Language of the Night. Essays on Fantasy and Science Fiction New York: St. Martin’s Press 1979.
McKiernan, Dennis L.: Caverns os Socrates. New York: ROC. 1996.
Seiffert, Helmut: “Philosophie”. In: H. Seifffert, G. Radnitzky (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München: Ehrenwirth. 1989. 255-262.
Phantastosophie ist ein Neologismus, den ich mir erlaube. Neo zumindest insofern, als ich den Begriff nirgendwo in Literatur und Netz finde. Das von Maurice Baskin entwickelte phantasophy beschreibt einen “magical color surrealism”, der nichts mit der Phantastosophie oder den Ausführungen meines Texts zu tun hat.



